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Der Nationalsozialismus

Der Zweite Weltkrieg

Anders als nach dem Ersten Weltkrieg gab es 1945 keine Kriegsschulddebatte und keine »Dolchstoßlegende«. Anders als im August 1914 läßt sich aus der Abfolge der Kriegserklärungen im September 1939 bzw. den Aufmarschplänen der Armeen keine Kontroverse über die Verantwortung für den Kriegsausbruch ableiten. Zu eindeutig hatte sich der unbedingte Kriegswille Hitlers offenbart, zu klar waren seine auf Eroberung, Versklavung, Ausbeutung und Vernichtung gerichteten Ziele zutage getreten, zu total war die deutsche Niederlage, und zu sehr hatten sich die Eliten in Wehrmacht und Wirtschaft, in Partei und Diplomatie dem Kurs des »Führers« gebeugt, den auch die »Volksgemeinschaft « bis zum bitteren Ende mittrug.



Alle Abbildungen entstammen den Bänden »Der Holocaust. Judenverfolgung und Völkermord« und »Der Zweite Weltkrieg. Die Zerstörung Europas«.

 

In der Geschichte des deutschen Nationalstaates wurde der Zweite Weltkrieg zur großen Wegscheide. Er veränderte alles: Selbstverständnis und Weltsicht der Deutschen, Großmachttradition und imperialen Gestus, Bild und Behausung der Nation sowie deren innere  Verfasstheit und Politik. Auf die deutsche Gesellschaft wirkte der Krieg wie eine Katharsis. Er hinterließ zerbrochene Wertvorstellungen und Erziehungsmuster, gesprengte Loyalitäten und Bindungen, endlose Flüchtlingsströme und als grausige Silhouette deutscher Hybris einen Schlagschatten, der bis heute reicht. Die destruktive Dynamik des nationalsozialistischen Regimes hatte mit ihrem mörderischen Rassenfanatismus und Expansionswahn die Deutschen ungewollt in die Moderne katapultiert, ihnen das beschert, wozu sie aus eigener Kraft nicht in der Lage waren: die dauerhafte Verankerung einer liberal-demokratischen Staatsform im Westen und deren vergängliches sozialrevolutionäres Gegenbild im Osten.

Als sich Amerikaner und Sowjets am 25. April 1945 in Torgau an der Elbe die Hände reichten, war dies ein Akt mit doppeltem Symbolgehalt. Das Zusammentreffen mitten in Deutschland markierte zum einen das Ende des nationalsozialistischen Regimes und des von seinen Exponenten entfesselten weltumspannenden Krieges, der den Kontinent in eine Leichen- und Trümmerlandschaft verwandelt hatte. Der symbolische Handschlag an der Elbe markierte zum anderen aber auch das Ende der europäischen Dominanz über die Welt, die 450 Jahre zuvor mit dem Zeitalter der Entdeckungen ihren Ausgang genommen hatte. Hitlers Gewaltpolitik hatte nicht nur die Nachkriegsordnung von 1919 zerstört, sondern, indem sie die USA und Stalins Sowjetunion nach Europa zurückholte, auch die Vorrangstellung des alten Kontinents in der Welt beendet.

Vor allem aber bedeutete, anders als 1918, das Ende des Zweiten Weltkrieges für die Deutschen einen fundamentalen Neuanfang. Die alten Muster deutscher Identität waren durch ihre hypertrophe Übersteigerung, durch die Offenlegung der im Krieg begangenen Untaten, durch reeducation und durch die aus dem Verlauf der jüngeren deutschen Geschichte resultierende, gravierende Traditionsbelastung zerbrochen. Jetzt bekehrten sich die Deutschen, in West wie in Ost, zu einem Neuanfang. Jetzt
fanden sie sich bereit, ihre Identität und damit ihre Staatsräson neu zu definieren. Das Grundgesetz von 1949, das die Wiedervereinigung von 1990 unbeschadet überlebt hat, ist der sichtbare Ausdruck dieses Traditionsbruches.

Die Katastrophe von 1945 schuf zwei wesentliche Fundamente, die das Schicksal der Deutschen bis heute prägen: den Schlagschatten Hitlers und ein neues Selbstverständnis. Die Erblast des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen, diese Bürde der Geschichte, wurde nicht abgeschüttelt, sondern geschultert. Sie beherrscht das öffentliche Bewusstsein und das Gepräge der Nachkriegsgesellschaft. Gedenkstätten, Museen, Lehrpläne, Medienereignisse, Gedächtnistage und Wahlergebnisse – sie alle weisen aus, dass das nationalsozialistische Gedankengut bis heute verfemt ist und dass die Untaten des Zweiten Weltkriegs den Deutschen eine Verantwortung aufgeladen haben, der sie sich nicht entziehen können und wollen.
(Rainer F. Schmidt)

 

Der Holocaust

Wohl kein Name ist so sehr zum Synonym der Shoa geworden wie der des größten Vernichtungslagers in Ostoberschlesien. Der 60 Kilometer westlich von Krakau gelegene Ort Auschwitz (polnisch: Oˇswięcim) wurde in den Jahren 1942 bis 1944 zur letzten Station im Leben von knapp einer Million europäischer Juden. Während die Lager der »Aktion Reinhard« (Treblinka, Sobibór, Bełżec und Majdanek) vornehmlich zur Vernichtung der polnischen Juden genutzt wurden, diente Auschwitz der Ermordung der Juden aus den nord-, west-, mittel- und südeuropäischen Ländern. Bereits seit Sommer 1940 existierte in Auschwitz ein auf Befehl von Heinrich Himmler errichtetes Lager. Grund für die Wahl des Ortes war nicht zuletzt seine Lage an einem Eisenbahnknotenpunkt. Das Lager diente der Internierung von zumeist politischen Gefangenen polnischer Herkunft. Die anderen Konzentrationslager übertraf Auschwitz zunächst nur in der Größe: Das Lager war auf 10 000 Häftlinge ausgelegt. Bald schon war es aber auch wegen der extrem harten Haftbedingungen berüchtigt. Es galt als das brutalste unter den sieben zu diesem Zeitpunkt existierenden Konzentrationslagern. Zahlreiche Häftlinge starben an Hunger, Entkräftung und Folter. Viele wurden erschossen. Systematisch vernichtet wurden sie jedoch nicht. Das Lager war mit elektrisch geladenem, vier Meter hohem Stacheldraht umzäunt. Von Wachtürmen aus kontrollierten SS-Männer das Lager; sie waren mit Gewehren und Maschinenpistolen ausgerüstet. Etwa einen Kilometer außerhalb gab es eine weitere Kette von Wachposten, die von einer SS-Hundestaffel bewacht wurde.

Im September 1941 befahl Himmler die Errichtung eines zweiten, ungleich größeren Lagers. Bereits zwei Wochen später begannen die Bauarbeiten im zwei Kilometer von Auschwitz entfernten Örtchen Birkenau (Brzezinka). Konzipiert war dieses Lager für die Aufnahme sowjetischer Kriegsgefangener - an mindestens 50 000 war gedacht -, die zur Zwangsarbeit eingesetzt werden sollten. Schon bald zeigte sich jedoch, dass an einen Zwangsarbeitereinsatz in großem Stil kaum zu denken war. Schuld daran war die unmenschliche Behandlung, die die sowjetischen Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft erfuhren: Sie erhielten wenig, mitunter gar keine Nahrungsmittel und wurden in Lagern auf dem freien Feld untergebracht, wo sie sich häufig selbst Erdhöhlen graben mussten, um überhaupt eine notdürftige Unterkunft zu haben. Ein Massensterben war die Folge. Von den insgesamt 5,7 Millionen Rotarmisten, die in die Hände der Deutschen gerieten, überlebten 2,5 bis 3,3 Millionen die Gefangenschaft nicht. Die Häftlinge in Auschwitz bildeten keine Ausnahme. Etwa 10 000 sowjetische Kriegsgefangene wurden im Oktober 1941 dort untergebracht, vier Monate später waren nur noch 2 000 am Leben, im Mai 1942 lediglich 186.

Im September 1941 hatten in Auschwitz, wie bereits geschildert, die ersten Tötungsexperimente mit Zyklon B stattgefunden. Das in Dosen verpackte, blausäurehaltige Schädlingsbekämpfungsmittel erwies sich als äußerst geeignet für die ihm zugedachte Aufgabe. Schon bei Temperaturen von 26 Grad Celsius reagierte das pulverförmige Mittel mit Sauerstoff zu einem hochgiftigen Gas. Die ersten Experimente fanden in einem abgedichteten Kellerraum statt, bald darauf wurde eines der Krematorien in eine Gaskammer verwandelt. Eine größere Gaskammer wurde in Birkenau in einem Bauernhaus aus Ziegelsteinen errichtet, eine weitere folgte bald. Im Herbst 1942 wurde mit dem Bau dreier weiterer Gaskammern begonnen. Vom Kriegsgefangenenlager wurde Birkenau zur Todesfabrik. Im weiteren Verlauf des Jahres 1941 wurden wiederholt kleinere Gruppen von Juden vergast. In erster Linie scheint es sich dabei um Zwangsarbeiter gehandelt zu haben, die nicht mehr arbeitsfähig waren. Im Januar 1942 setzte mit der systematischen Vernichtung der Juden aus Oberschlesien die eigentliche Geschichte des Lagers Auschwitz als Vernichtungslager ein. Ab Frühjahr 1942 wurden Juden aus dem Deutschen Reich und aus West- und Südeuropa hierher deportiert und ermordet. Dabei stellte der Lagerkomplex einen Sonderfall dar: Nur Auschwitz- Birkenau und Majdanek dienten gleichzeitig als Konzentrations- und Vernichtungslager. Diese Sonderrolle zeigte sich gleich bei Ankunft der Transporte. Die Türen der Viehwaggons, in denen die Opfer teilweise tagelang auf engstem Raum zusammengepfercht transportiert worden waren, wurden aufgerissen und die Insassen von den Wachleuten mit Geschrei, Schlägen und Tritten heraus getrieben. Nach Geschlechtern getrennt mussten sie sich zur Selektion aufstellen: Frauen und Kinder in einer Reihe, Männer in einer anderen. SS-Ärzte entschieden über Leben und Tod. Wessen körperliche Verfassung auf eine Befähigung zum Arbeitseinsatz hindeutete, durfte als Zwangsarbeiter zumindest noch einige Zeit weiterleben. Schwache, Schwangere, Behinderte, Kranke, Alte und Kinder wurden dagegen sofort »ins Gas« geschickt. Zu Fuß, nachts auch mit Lastwagen, wurden sie zu den Gaskammern gebracht. In einem Vorraum mussten sie sich unter dem Vorwand, duschen zu sollen, ausziehen und die Gaskammern nackt betreten. Sobald der Raum voll war, wurden die Türen verschlossen und das Gas durch eine Luke eingeleitet. Durch ein Guckloch an der hermetisch verschlossenen Tür konnten die SS-Leute den Todeskampf betrachten. Während der Vergasung dröhnten laute Motoren und schrillten Sirenen, um die Todesschreie der verzweifelten Opfer zu übertönen. Durchschnittlich etwa zwanzig Minuten dauerte es, bis sich in der Gaskammer niemand mehr regte. Danach wurden die Türen geöffnet, damit das restliche Gas ins Freie ziehen konnte. In den moderneren Gaskammern erfüllten Ventilatoren diese Funktion. Andere Häftlinge mussten den Leichen die Goldzähne aus den Kiefern brechen, Ringe von den Fingern nehmen und die Haare abschneiden. Anschließend wurden die Leichen in den Krematorien verbrannt. Reichte deren Kapazität nicht aus, dienten Massengräber als Ersatz. Selbst nachdem die Krematorien so stark erweitert worden waren, dass sie über viereinhalbtausend Leichen pro Tag verbrennen konnten, waren sie in den Hochzeiten der Vernichtung nicht in der Lage, mit der Geschwindigkeit der Ermordungen mitzuhalten. Das Hab und Gut der Ermordeten füllte die Kassen des Deutschen Reich, soweit es nicht von den Wachmannschaften und der SS gestohlen wurde, was trotz der scharfen Verbote und der strengen Strafen an der Tagesordnung war. Selbst Teile der Leichen wurden zu Geld gemacht. Das Zahngold wurde eingeschmolzen, das Haar wurde an Filzhersteller verkauft, Asche und Knochen an Düngemittelfabrikanten.

Bis weit ins Jahr 1944 hinein lief die Vernichtung der Juden in Auschwitz weiter. Nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen und die darauf folgende Deportation ungarischer Juden erreichte sie sogar ihren Höhepunkt. Parallel dazu begann ab Sommer desselben Jahres die Evakuierung des Lagers, nachdem die Rote Armee bis nach Galizien vorgestoßen war und die Weichsel überschritten hatte. Etwa die Hälfte der Häftlinge wurde bis Januar 1945 in Konzentrationslager im Westen gebracht. Im November 1944 erteilte Himmler den Befehl zur Einstellung sämtlicher Vernichtungsaktionen. Die Gaskammern wurden abgerissen, »Sonderkommandos« mit der Beseitigung der Spuren beauftragt. Als die Rote Armee immer näher rückte, wurden im Januar die meisten noch verbliebenen Häftlinge zu Fuß Richtung Westen geschickt und später auf Güterzüge verladen. Derweil bemühte sich die SS im Lager um die möglichst vollständige Vernichtung aller Dokumente und Einrichtungen, die von den dort begangenen Mordtaten Zeugnis ablegten. Die Krematorien und Gaskammern wurden gesprengt. Um keine Belastungszeugen zurückzulassen, mordete die SS bis zum Schluss, konnte aber nicht mehr sämtliche noch in Auschwitz verbliebenen Häftlinge töten. Am 26. Januar verließen die letzten Wachmannschaften das Lager, am folgenden Tag erreichten die ersten sowjetischen Soldaten das Herz der deutschen Vernichtungsmaschinerie. Von den rund 7 000 Häftlingen, die sie dort noch vorfanden, erlebten viele wegen Entkräftung das Ende des Krieges nicht mehr. Auschwitz war die größte Vernichtungsanlage in der Geschichte der Menschheit und zugleich die Perfektion fabrikartigen Massenmords. Innerhalb von nicht einmal drei Jahren wurden hier zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet. Neben etwa 960 000 Juden vernichtete die SS zwischen 70 000 und 75 000 Polen, 21 000 »Zigeuner«, 15 000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 10 000 bis 15 000 Angehörige anderer Nationen. Weitere 200 000 Menschen fielen den unmenschlichen Arbeits- und Ernährungsbedingungen oder den im Lager grassierenden Krankheiten zum Opfer.

(Alexander Brakel)

 

 


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