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Ende des Kaiserreiches

 

Der Erste Weltkrieg

Mit dem Ersten Weltkrieg ging das lange 19. Jahrhundert zu Ende. Die Mächteordnung, die hundert Jahre zuvor auf dem Wiener Kongress geschaffen worden war, zerfiel: Das Osmanische Reich löste sich auf, ebenso Österreich-Ungarn. In Russland ging das Zarentum unter, in Deutschland das Wilhelminische Reich. In Italien übernahm bald der Faschismus die Macht. Diese Staaten mussten erfahren, dass verlorene Kriege – oder solche, die man so wahrnahm – im 20. Jahrhundert fast immer mit massiven innenpolitischen Umbrüchen verbunden waren. Es gab nur eine einzige Verlierermacht, in der sich das alte System behaupten konnte: Bulgarien. Zugleich entstanden zwölf neue Staaten von Finnland im Norden bis zum Irak im Süden. Nationalgeschichtlich am bedeutendsten war, dass Polen nach über hundertjähriger Knechtschaft seine Freiheit zurück erlangte.


Alle Abbildungen entstammen dem Band »Weltkrieg und Revolution. 1914-1918/19«.
Der Konflikt der Jahre 1914 bis 1918 wirkte weit über Europa hinaus. Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten entschied den Kampf endgültig zugunsten der Alliierten, während zuvor die Kriegserklärungen Japans und der britischen Dominions den Konflikt bereits 1914 auf den gesamten Erdball ausgedehnt hatten. Japan nutzte die Gelegenheit, die deutsche Kolonie Kiautschou an der Südwest-Küste der chinesischen Halbinsel Schantung nebst den Marshall- und Karolinen-Inseln im Pazifik zu besetzen. Die deutschen Kolonien in Afrika wurden - mit einer Ausnahme - rasch von den alliierten Truppen erobert, wobei Südafrika mit besonderem Eifer vorging und Deutsch-Südwestafrika in Besitz nahm. Am bekanntesten bei diesen Kämpfen sind aber die Operationen der »Schutztruppe« in Deutsch-Ostafrika unter Paul von Lettow-Vorbeck, die bis nach Kriegsende auf abenteuerliche Weise durch das portugiesische Mosambik und das britische Rhodesien streifte. Man ist leicht geneigt, den Krieg in Afrika für unbedeutend zu halten. Gewiss hat das Ringen um diese Gebiete den Ausgang des Krieges nicht entschieden. Allerdings muss daran erinnert werden, dass gerade der Feldzug in Deutsch-Ostafrika gewaltige Opfer unter der schwarzen Bevölkerung forderte. Die Schätzungen reichen bis zu 750 000 Toten, eine weithin unbekannte Tatsache.

Trotz der erschreckenden Dimension der Kolonialkämpfe war der Erste Weltkrieg im Kern jedoch ein europäischer Konflikt. Das Hervorstechende war nicht seine globale Ausdehnung. Der Siebenjährige Krieg (1756/63) und die Französischen Revolutionskriege hatten länger gedauert und auch eine größere territoriale Ausdehnung erreicht. Selbst die Zahl von rund 14 Millionen Toten war kein Novum, wenn man sie in Relation zur Gesamtbevölkerung Europas setzt (etwa 4,1 Prozent). Im Dreißigjährigen Krieg hatte Deutschland rund ein Fünftel seiner Bevölkerung verloren, Preußen im Siebenjährigen Krieg immerhin ein Siebtel und der Bürgerkrieg in China 1851/64 kostete rund 20 Millionen Menschen das Leben. Das Besondere am Ersten Weltkrieg war vielmehr seine »technische« Dimension. Was sich im amerikanischen Bürgerkrieg (1861/65), im deutsch-französischen (1870/71) und im russischjapanischen Krieg (1904/05) bereits angedeutet hatte, wurde nun Wirklichkeit: Mit ungeahnter Wucht prallten hochgerüstete Industrienationen aufeinander. Der Krieg wurde industrialisiert, der Kampf Mann gegen Mann vom Kampf Mann gegen Technik abgelöst. Die Materialschlachten an der Westfront, in denen Hunderttausende Soldaten im gegnerischen Artillerie- und Maschinengewehrfeuer ihr Leben verloren, avancierten zum grausamen Sinnbild dieses Krieges. Zudem brachte die Technisierung des Kampfes neue Waffen mit tödlicher Wirkung hervor: das Giftgas, den Panzer, das U-Boot und das Flugzeug. Andere, schon länger bekannte Waffen wurden weiterentwickelt und in großer Zahl eingesetzt: Das Maschinengewehr und vor allem die Artillerie sind hier zu nennen. Im Krieg von 1870/71 waren lediglich 8,4 Prozent der deutschen Gefallenen durch Artilleriefeuer getötet worden - im Ersten Weltkrieg stieg diese Zahl auf über 58 Prozent an. Das Gesamtbild des Krieges veränderte sich so grundlegend, dass mit Recht von einer Zäsur im Kriegswesen gesprochen werden kann. Die Totalisierung des Krieges war nunmehr auch in Europa Wirklichkeit geworden. Ein Krieg, den die Nationen bis zur totalen Erschöpfung führten und in dem ein vorzeitiger diplomatischer Ausgleich nicht mehr möglich war. Dies war auch eine Folge der Hasspropaganda, die systematisch von allen kriegführenden Mächten betrieben wurde. Eine Flut von Druckerzeugnissen vermochte dem Kampf lange Zeit einen höheren Sinn zu verleihen und überzeugte breite Teile der Bevölkerung davon, gegen das »Böse« schlechthin zu kämpfen. Die Propaganda bediente sich dabei auch neuer Medien, so in großem Maßstab der Fotografie und erstmals auch des Kinofilms.

Die Zeit von 1914 bis 1918 ist in militärischer Hinsicht im Rahmen einer Entwicklung zu betrachten, die mit den Französischen Revolutionskriegen begann und in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Zweiten Weltkrieg kulminierte. Es vollzog sich eine stetig wachsende Totalisierung des Krieges, die schließlich durch die Angst vor der nuklearen Katastrophe beendet wurde. Innerhalb dieser Entwicklung wirkte der Erste Weltkrieg als Katalysator: Er bündelte und beschleunigte die bereits vorhandenen Vorstufen des totalen Krieges. Damit erhärtet sich der Befund, dass der Erste Weltkrieg der Ausgangspunkt einer Epoche globaler Veränderungen gewesen ist, die im Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erlebte und letztlich erst mit den Umbrüchen der Jahre 1989/90 endete.
(Sönke Neitzel)



 


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Der Zerfall des alten Europas 1900-1914

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